10. – 18. Juni 2019
In Litauen verbrachte ich insgesamt 8 Tage. In dieser Zeit reiste ich von Kaunas (1 Nacht) mit dem Bus nach Nida auf der Kurischen Nehrung an der Ostsee (3 Nächte). Dann machte ich einen Zwischenhalt in Klaipeda (früher Memel – 1 Nacht), um danach per Zug zur Hauptstadt Vilnius (3 Nächte) zu fahren.

Für mich war die erste Station Kaunas, immerhin zweitgrößte Stadt Litauens, ein sehr beschauliches Städtchen. Ich erreichte die Stadt am Nachmittag bei großer Hitze und fand erstmal mein Hostel nicht. Ich stand zwar an der korrekten Adresse, aber null Hinweise, dass da eine Unterkunft ist – einfach nix. Nach zigmal rumfragen vermuteten Anwohner, dass ich mal den dicken Mann auf einem der Balkone fragen sollte. Und siehe da, er war der Besitzer, der einfach noch „keine Zeit hatte, die Reklame anzubringen“. Na ich vermute mal, dass er einfach noch „keine Zeit hatte sein Gewerbe anzumelden“. Egal, ich hatte mein erstes Einzelzimmer auf dieser Reise und war mitten in der Innenstadt. Aber ich hatte hier irgendwie ein Gefühl von langweiliger Vertrautheit. Die Stadt wirkte bei der Hitze mit seinen leeren Plätzen und Straßen ziemlich ausgestorben. 
Die Bebauung kam mir sehr altbacken vor und ist bis auf Kirchen, Kloster und Rathaus mit etwa drei Geschossen (auch am Marktplatz) sehr niedrig und leider oft auch arg in Mittleidenschaft gezogen. Dazwischen sind dann immer wieder olle Bauten aus Sowjetzeiten. Aus diesen Gründen erinnerte mich alles sehr an die kleinen, oftmals verwaisten Orte in Brandenburg oder in der Uckermark: preußisch, klein, bieder und immer etwas langweilig. Genauso ging es mir vier Tage später in Klapeida, dem früheren ostpreußischen Memel, wohin sogar der preußische König, Friedrich Wilhelm III, 1807 flüchtete und für ein Jahr seine Residenz während der Napoleonkriege hatte. Seine Residenz in diesem Kaff? Was war das den für ein König? Hatte der gar keinen Stil? 
Also wenn das hier preußisch ist und preußisch eine der deutschen Tugenden ist, dann bin ich aber froh, dass noch andere Länder dem Deutschen Reich 1871 beigetreten sind und so wenigstens etwas Flair, Kultur und Schönheit mitbrachten. Ok, hier wütete natürlich auch der 2. Weltkrieg und was der nicht kaputt machte, haben dann die Sowjets noch bis 1990 verunstaltet. Jedoch auch das alte und wieder aufgebaute Zeug macht echt nicht viel her. Mann ist das hier bieder. Aber irgendwie ist es auch interessant: Unzählige Rentner-Reisegruppen aus Deutschland sind hier unterwegs – wahrscheinlich auf den Spuren ihrer Altvorderen; bestaunen jede Häuserecke mit „ach was ist das schön hier“ oder singen in Klaipeda vor einem Brunnen des Dichters Simon Dach mit einer Mädchenstatue ein deutsches Volkslied (Ännchen von Tharau) – ohje, wie schwermütig… (https://www.youtube.com/watch?v=_LIpKGu8l9Q). Zudem geben sehr bemühte Touristeninformationen gerne Infos raus, die jedes kleines Kunstwerk erläutern. So verwundert es mich nicht, dass auch ich Plastiken und Häusergraffiti fotografiere. Ach irgendwie auch erholsam, wenn es so langweilige Städtchen gibt. 
Genug gemeckert. Ich finde Litauen trotzdem echt schön: Es gibt ja neben diesen preußischen Örtchen auch noch Natur (Kurische Nehrung vor Klaipeda), die mich völlig überraschende Hauptstadt Vilnius, super nette Menschen und echt leckeres Essen. 
Nida, kurz vor der Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad, und ziemlich in der Mitte der knapp 100 km langen aber nur etwa 3 km schmalen Halbinsel aus purem Sand – der Kurischen Nehrung an der Ostsee – ist einfach wunderschön gelegen. Gen Osten das Kurische Haff, gen Westen hinter der Düne das offene Meer. Und dazwischen nur Sand, Dünen, Kiefernwälder, Kiefernwälder, Kiefernwälder und Kiefernwälder. 
Hier verbrachte ich im Hostel Guboja drei Nächte direkt an der Promenade mit Garten. Ich hatte ein 5er Zimmer, wobei ich die letzte Nacht das Zimmer für mich alleine hatte (10 € pro Nacht). 
Die Highlights in Nida waren für mich:
- Frühstücken im Hostelgarten im Schatten eines Kirsch- und Pflaumenbäumchens und dabei mit netten Gästen aus Vilnius, Moskau, Berlin und Bayern klönen

- Mit einem Miet-Mountenbike für 3 Tage (10 € pro Tag) über die Dünen-, Wald- und Radwege düsen.

- So kam ich immer schnell zum 2 km entfernen Ostseestrand oder zur Parnidzio Düne von Nida mit dem „Tal des Todes“ (etwas arg übertriebener Name) gleich um die Ecke oder in einer Tagestour bei knapp 30 Grad Celsius zum 33 km entfernten Juodkrante:
- Auf dieser Tour konnte ich die etwa 50 Meter hohe Nagliai Düne (2 €) zu Fuß erklimmen

- Auf dieser Tour konnte ich die etwa 50 Meter hohe Nagliai Düne (2 €) zu Fuß erklimmen
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- Natürlich wieder in der Ostsee baden

- Natürlich wieder in der Ostsee baden
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- In Juodkrante meine erste und mega-leckere kalte Rote-Bete-Suppe mit heißen Kartoffeln essen (3,50 €) und dazu ein kühles Kwas trinken (ein Brotgetränk, was dem Malzbier sehr nahe kommt)

- In Juodkrante meine erste und mega-leckere kalte Rote-Bete-Suppe mit heißen Kartoffeln essen (3,50 €) und dazu ein kühles Kwas trinken (ein Brotgetränk, was dem Malzbier sehr nahe kommt)
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- Komische Holz-Schnitzereien und -Stelen auf dem Hexenhügel und in der Amber-Bucht in Juodkrante bestaunen

- Komische Holz-Schnitzereien und -Stelen auf dem Hexenhügel und in der Amber-Bucht in Juodkrante bestaunen
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- Brütende Kormoran-Kolonien beobachten, die sich hier massiv vermehrt haben und durch ihre (saure) Scheiße alle Bäume, auf denen sie nisten, zum Absterben bringen. Die sägen sozusagen an ihrem eigenen Ast, auf dem sie sitzen und scheißen ihre Wohnung zu und letztendlich kaputt – komisches Gefieder

- Brütende Kormoran-Kolonien beobachten, die sich hier massiv vermehrt haben und durch ihre (saure) Scheiße alle Bäume, auf denen sie nisten, zum Absterben bringen. Die sägen sozusagen an ihrem eigenen Ast, auf dem sie sitzen und scheißen ihre Wohnung zu und letztendlich kaputt – komisches Gefieder
- Die scheinbar unendlichen Kiefernwälder mit dem Gesang der Vögel und Duft nach Tannenzapfen
- Die sehr späten Sonnenuntergänge auf der gesamten Halbinsel


- Der weiche, weiße Sandstrand und das Schwimmen in der Ostsee, die mir wärmer vorkam, als noch das Mittelmeer vor 1,5 Wochen in Barcelona. Und das Ostseewasser ist hier kaum noch salzig – es kommt mir deutlich weniger salzig vor, als noch in Deutschland.
- Jeden Abend bei Tik Pas Jona direkt am Hafen frisch geräucherten Fisch mit den Fingern essen (5 € pro Fisch). Zuerst aß ich Scholle (Heilbutt), dann Rotbarsch und zum Schluss Makrele. Am leckersten war der Rotbarsch.

- Auf dem Rückweg nach Klaipeda machte ich noch Stopp in Smiltyne am nördlichen Ende der Kurischen Nehrung – aber hier war bis auf den Strand und die Kiefernwälder eher Tristesse angesagt
Klaipeda:
- Abgesehen von dem tristen Grundgefühl dieser Stadt, gab es dort auch ein schönes Segelschiff, welches unter (winddurchlässigen) Segel vor Ort fest verankert war.

- Und ich hatte dort die bisher nettesten Vermieter: Renata und Darius im Friendly Bike Hostel direkt am Hauptbahnhof (14 € im 5er Zimmer). Das Hostel war der ehemalige Bahnhof von Memel. Wo jetzt eine Straße dran vorbeiführt, gingen früher die Gleise lang.


Das Paar kaufte das komplett runtergekommene Haus und sanierte es Schritt für Schritt. Im Keller war nun das Hostel und oben wohnten sie mit ihren beiden Kindern und Eltern. Renata war begeistert, als sie von meinen Weltreiseplänen erfuhr und erzählte mir dann von ihrer letzten Reise: den Jakobsweg. Ich würde nun meine Art von Jakobsweg gehen und mir wird – genau wie ihr – so viel Gutes wiederfahren und ich werde so viel selbst für mich erfahren, dass ich mein Leben lang davon zehren kann. Auch solle ich ohne Furcht durch die Welt gehen, denn die Menschen sind von sich aus gut und immer Hilfsbereit und mit dieser Einstellung wird immer alles gut und wendet man Unheil ab. Kaum war Renata verschwunden, kam ihr Mann Darius vorbei und erzählte mir von seinem Jakobsweg: In der Zeit ohne Renata Haus, Kinder und Eltern „hüten“. Ansonsten ist er Profi im Trampen mit Klapprad, Schlafen in der Hängematte und wildes Camping im Wald – ein angenehmer, witziger Kerl. Manchmal überlege ich, ob mir ein gutes Klapprad auf der Reise nützlich wäre – aber dann hätte ich mein Gepäck anders organisieren und verpacken müssen.
Im Hostel selbst waren am Abend ein Truckerfahrer mit stinkenden Füßen und sehr viel Wodka am Abend, von dem er mir bei jedem Einschenken was angeboten hatte und eine Litauerin, die sowas von Schielte, dass ich immer nicht wusste, wo ich hinschauen sollte.

Und dann Vilnius – eine mich völlig überraschende Stadt, die unheimlich lebendig und angenehm war:
- Sehr zentrales Hostel Mikalo (geräumiges 4er Zimmer, 13 € pro Nacht) mit großer Gemeinschaftsküche und Kaffee und Croissants zum Frühstück und sehr angenehmen Mitbewohnern aus Lübeck, Kiew und den USA. Der Hostelbetreiber war auch super nett und erzählte gern und viel von Litauen und seinen Erlebnissen.

- Herrliche Sträßchen und Hinterhöfe mit unzähligen Bars und Restaurants

- „Unabhängige Republik Uzupis“, die eher eine Künstlerkolonie mit in der Stadt ist

- Ein wunderschönes gotisches Kirchenensemble: St. Anna’s & Bernardine Churches, von dem angeblich sogar Napoleon so begeistert war, dass er die Kirchen nach Paris bringen wollte


- Beeindruckender Göttertempel wie eine Akropolis errichtet und eigentlich nur die Kathedrale mit viel Klassizismus ist


- Interessante Street-Art-Malereien an Häuserwänden


- Herrliche Ausblicke auf die Stadt von den Hügeln im Zentrum

- Lecker gefüllte Klöße mit Fleisch und saure Sahne essen

- KGB-Museum (4 € Eintritt), welches hier Museum of Genocide Victims heißt und aus litauischer Sicht den Mord und das Verschleppen von zigtausend Litauern durch die sowjetischen Besatzer 1940/41 sowie 1944 – 1953 unter Stalin zeigt sowie in den Jahren dazwischen das Morden der Nazis (nicht ganz so ausführlich) zeigt und dann die Zeit bis zur wiedererlangten Unabhängigkeit von der Sowjetunion in 1990/91. Auch die singende Revolution, die zur Unabhängigkeit Litauens von der Sowjetunion führte und sich stark auf das Unrecht des geheimen Hitler-Stalin-Pakts zur Aufteilung Polens und des Baltikums bezieht, wurde eingegangen. Weiterhin konnte man als Museumsbesucher durch die Kellerräume des Gebäudes gehen: Haftzellen, Folter, Isolation und über 1000 Erschießungen.


Für mich war besonders beeindruckend, wie das Museum die Stalin- und Hitler-Verbrechen anhand von Zahlen gegenüberstellt und zeigt, dass beide Regime für Litauen ähnlich verbrecherisch waren. -> Ich traf in Litauen auch Menschen, die sagten, dass Hitler nicht so schlimm war wie Stalin – das finde ich absurd: Ranking unter solchen Diktatoren und Mördern macht keinen Sinn. Aber ich sehe daran, welcher Hass auf das Stalinregime und die Sowjetunion bis heute herrscht, zumal sich Russland bis heute der Verantwortung entzieht.
Ansonsten:
- Auf der Kurischen Nehrung war es noch extrem heiß und schwül, danach kühlte es etwas ab und war wieder erträglicher
- Von Vilnius nahm ich die Bahn nach Minsk, was nur 187 km entfernt liegt und zweimal pro Tag mit dem Zug angefahren wird.
- Als Währung gilt der Euro und die Preise waren deutlich günstiger als in Deutschland
- Kosten für 8 Tage insgesamt 310 € -> 39 € pro Tag
- Transporte (Busse und Züge) = 59,50 €
- ÖPNV/Miete (Radmiete) = 30 € für 3 Tage auf der Kurischen Nehrung
- Unterkünfte (8 Nächte) = 103 € -> 13 € pro Nacht
- Eintritte, Touren (Nagliali Düne, KGB-Museum Vilnius) = 6 €
- Leben (Essen, Trinken, Restaurant) = 113 € -> 14 € pro Tag
- Kilometer
- Bus Kaunas – Nida = 270 km in 4:15 Stunden (24 €)
- Bus Nida – Fähre = 50 km in 1 Stunde (4 €)
- Zug Klaipeda – Vilnius = 308 km in 4:15 Stunden (14,50 €)
- Zug Vilnius – Minsk = 187 km in 2:45 Stunden (17 €)
- Zu Fuß in Litauen (8 Tage) = 111 km
- Tagesradtour Kurische Nehrung = 70 km
- Radeln in Nida
Achja – und hier das Lied „Ännchen von Tharau“, welches die Rentnergruppen so schwermütig auf dem Marktplatz von Klaipeda sangen …